Das vergessene Erbe

Leseprobe

Das vergessene Erbe - Umschlagabbildung

Als ich aus dem Zug stieg, atmete ich sommerliche Wärme ein und staunte über die Pracht des Bahnhofsgebäudes, seine hohen Hallen, Stuckwände und Glasfenster, die an einen von Menschenmassen überrannten Palast erinnerten. Onkel Theodor hatte mich noch am letzten Abend vor meiner Abreise daran erinnert, dass ich in ein barbarisches Land des ewigen Frostes unterwegs war. Nun schwitzte ich fast in meiner hochgeschlossenen Bluse, genoss für einen Moment die von einem auf dem gegenüberliegenden Gleis abfahrenden Zug aufgewühlte Luft, die durch meine zerknitterte Frisur fuhr.

„So, jetzt sind wir am Ziel. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Fräulein Walther“, sagte der grauhaarige Anwalt aus Regensburg, der seine in Russland verheiratete Tochter besuchte, und reichte mir meinen Koffer, den er höflicherweise für mich aus dem Zug getragen hatte. „Sie werden hier sicher viele aufregende Dinge erleben“, fügte er mit einer höflichen Neigung des Kopfes hinzu.

Ich fragte mich, was er sich unter aufregenden Erlebnissen für mich vorstellte, aber meine Aufmerksamkeit wurde sogleich von anderen Dingen beansprucht. Ein breitschultriger Mann in einem weißen übergroßen Hemd und einem Bart, der bis zu seinem Gürtel hinabhing, verkaufte Teigtaschen, deren Geruch meinen Magen zum Knurren brachte. Während meiner Reise hatte ich mich hauptsächlich von Brötchen und Kaffee ernährt. Ein Stück neben mir wartete eine in Seide und Spitze gehüllte Dame, auf deren Hut sich die Federn wie Schilf im Wind bewegten, bis ihre etwa zehn Koffer abgeladen waren. Livrierte Diener trugen sie im Gänsemarsch fort, während ein Herr im Frack der Dame seinen Arm anbot. Französische Worte drangen an mein Ohr, und ich erinnerte mich an die Aussage des Anwalts, dass russischer Adel kaum russisch sprach.

Von hinten rempelte mich eine rundliche Frau mit einem verschlissenen Strohhut an, während sie eine unübersichtliche Schar von Kindern vorwärtstrieb. Die aus ihrem Mund rollenden Worte machten mir endgültig klar, dass ich mich in einem Land befand, dessen geläufigste Sprache mir völlig fremd war. Ich zerrte meinen Koffer weiter, dessen Griff in meine Handfläche zu schneiden begann, und ließ meinen Blick durch die Menge schweifen. Jemand musste hier sein, um mich abzuholen, doch wusste ich nicht, nach wem ich suchen sollte.

Ich lehnte mich gegen eine Wand und ließ Menschen an mir vorbeilaufen, plappernde Familien, Militärs in Uniform, ältere Damen, die Schoßhunde auf dem Arm trugen. Ihre Stimmen vereinigten sich zu einem Surren, Zischen und Fauchen. Entschlossen, keinesfalls die Nerven zu verlieren, kramte ich den letzten Brief des Fürsten Wolgorin, in dem mir bestätigt worden war, dass er sich von allen Bewerberinnen für mich entschieden hatte, aus meinem Ridikül. Meine Zugfahrkarte hatte ich in demselben Umschlag vorgefunden, aber leider kein einziger Hinweis, wer mich am Bahnhof erwarten würde. Die Wolgorins besaßen eine Fotografie von mir, versuchte ich, mich zu beruhigen, doch diese war leider schon ein paar Jahre alt. Der Fotograf hatte mehr Wert darauf gelegt, mich als verträumte Schönheit mit Knospenmund abzulichten, denn mein gewöhnliches Aussehen einzufangen.

Ob ich meinen Namen rufen sollte? Damen schreien nicht herum, mahnte die Stimme von Tante Elsa in meinem Kopf. Ganz besonders nicht in Russland, das doch in so vieler Hinsicht rückständig war, fügte Onkel Theodor hinzu. Im Geiste verfluchte ich sie beide, weil sie vermutlich recht hatten, aber ich konnte auch nicht den Rest des Tages damit zubringen, hier wie ein vergessenes Gepäckstück herumzustehen.

Entschlossen schob ich mich wieder in die Menge. Ein junger Mann in leicht verschlissener Kleidung, dessen Kappe schräg auf seinem Kopf saß, grinste mich breit an. Für einen winzigen Moment schöpfte ich Hoffnung und sah ihm erwartungsvoll ins Gesicht. Sogleich stand er an meiner Seite, hatte meinen Arm ergriffen, wobei er unverständliche Worte murmelte. Ob er ein Diener der Wolgorins war oder meine Lage völlig missverstand, vermochte ich nicht zu erkennen. Er zerrte mich näher an sich heran und als er wieder zu reden begann, wehte mir Schnapsgeruch entgegen. Ich versuchte, mich loszureißen, aber sein Griff blieb hartnäckig, während er weiter auf mich einredete.

„Was erlauben Sie sich?“, rief ich in meiner allerbesten Gouvernantenstimme, doch machte das wenig Eindruck auf ihn, zumal er sicher kein Wort Deutsch verstand. Ich wusste von meiner Tante, wie viele vornehme Damen es zu meinen Ungunsten auslegen würden, dass ich überhaupt in eine solche Lage geraten war. Zu meinem Entsetzen schossen mir Tränen in die Augen, doch ich riss mich entschlossenen los.

Er war mit ein paar Schritten wieder an meiner Seite und packte mich an der Schulter. Seine Stimme klang weiterhin freundlich, während er mir nochmals seinen Schnapsatem ins Gesicht blies.

„Ich verstehe Sie leider nicht“, versuchte ich ihm verzweifelt auf Deutsch klar zu machen. Er grinste breit, als wäre er stolz auf seine gelben Zahnstummel. Mit der linken Hand grub er in seiner Hosentasche herum und zog ein paar Münzen heraus, die er mir entgegenhielt. Ich versteinerte in der Ahnung, was er mir gerade vorschlagen wollte, doch da wies er mit dem Kopf auf den Mann, der die Teigtaschen verkaufte. Ich atmete erleichtert aus.

„Vielen Dank, aber ich habe keinen Hunger“, log ich, nochmals auf Deutsch, denn es schien mir sinnvoller, als gar nichts zu sagen. Anstatt mich weiter zu wehren, ließ ich zu, dass er mich zu dem Straßenverkäufer zerrte, einfach aus Angst, durch lauten Protest zu viel Aufmerksamkeit auf meine Lage zu ziehen.

Plötzlich wurde mein Entführer selbst zum Opfer eines Übergriffs. Ein Herr in grauem Anzug legte eine Hand auf den Arm, der mich festhielt, und sprach auf ruhige, freundliche Weise ein paar russische Worte, die eine Art Zauberspruch sein mussten. Plötzlich war ich frei. Der junge Mann mit der Kappe zuckte nur mit den Schultern, dann war er auch schon in der Menge verschwunden.

Erleichtert und gleichzeitig leicht beschämt sah ich meinen Retter an. Sein schmales, kluges Gesicht ließ mich an einen Künstler oder Philosophen denken, doch hatte er die hohe, aufrechte Gestalt eines Militärs. Graue Augen musterten mich, und an den Schläfen hatte das hellbraune Haar bereits eine ähnliche Farbe angenommen. Tante Elsas Worte erklangen in meinem Kopf: Junge, allein reisende Damen müssen stets auf der Hut sein, dürfen niemals Fremden vertrauen. Dennoch fühlte ich, wie meine Verspannung nachließ.

„Sie sind Deutsche, nicht wahr?“, fragte er mit einer leichten Verbeugung.

Wieder spürte ich Nässe in meinen Augen, doch diesmal drohten sie vor Erleichterung überzulaufen. Niemals in meinem Leben war ich so froh gewesen, meine Muttersprache zu hören. „Ich bin Antonia Walther, die zukünftige deutsche Gouvernante des Grafen Wolgorin“, sagte ich. „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.“

Ich streckte ihm meine Hand entgegen, die er sogleich ergriff. Er versuchte keinen Handkuss, was ich albern gefunden hätte, sondern presste einfach meine Finger nur kurz zusammen.

„Dann heiße ich Sie in Russland willkommen. Der Graf Wolgorin ist ein guter Bekannter von mir. Da drüben steht auch sein Hausdiener.“

Er wies auf einen kleinen, rundlichen Herrn mit Halbglatze, den er sogleich herbeiwinkte. Eine kurze Unterhaltung auf Russisch fand statt. Bald darauf hatte mein Koffer wieder die Hand gewechselt und ich eilte dem Hausdiener hinterher. Noch einmal drehte ich mich nach meinem Retter um, da sah ich, wie er eine Dame in eleganter, dunkler Kleidung auf dem Bahnsteig begrüßte.

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