Die schöne Insel

Leseprobe

Die schöne Insel - Umschlagabbildung

4. Kapitel

Anastassia nahm den Lärm der Straßen, den beißenden Gestank von Unrat und die vielen schubsenden, rempelnden Menschen nur undeutlich wahr, als hätte jemand ihre Sinne in Watte gepackt. Seit sie denken konnte, lebte sie in Shanghai, und für gewöhnlich machte ihr das Getümmel nichts aus, ja, es gefiel ihr sogar. Früher sollte ein kleines, russisches Dorf ihre Heimat gewesen sein, doch sie konnte sich daran nicht mehr erinnern. Den Namen des Ortes hatte der Vater ihr einmal genannt, aber er war ihr zu unwichtig gewesen, um ihn sich zu merken.

In Russland hatte man sie als Juden nicht gewollt und sie sah daher keinen Grund, dieses Land zu vermissen. Bisher hatte sie China für die bessere Wahl gehalten, denn hier kümmerte sich niemand um Fragen der Religion.

Aber heute hatte sie erfahren, dass sie auch hier nicht erwünscht war. Der verächtliche Blick ihrer besten Freundin Charlotte Huntingdon verfolgte sie wie ein böser Geist, dem sie vergeblich zu entkommen suchte, indem sie durch eine enge Straße nach der anderen lief. Dabei war das selbstbewusste, eitle Mädchen für sie zum Mittelpunkt ihres Daseins geworden, seit sie gemeinsam in einem Klassenzimmer saßen. Eine Chinesin, die besser deutsch und französisch sprach als alle anderen Schülerinnen, gehörte zu den Kuriositäten, die nur eine so verrückte Stadt wie Shanghai aufweisen konnte. Hier wurde vermischt, was anderweitig streng getrennt zu bleiben hatte. Hier konnte auch ein blondes, jüdisches Mädchen dazugehören.

Vielleicht wäre es auch so gewesen, wenn dieses Mädchen nicht so tollpatschig und ungeschickt wäre wie sie, Anastassia Gregorova.

Sie musste kurz stehen bleiben, um durchzuatmen. Manchmal empfand sie einen solchen Zorn auf sich selbst, dass sie der Wunsch überkam, sich das Gesicht blutig zu kratzen. Ihre Mutter bezeichnete solche selbst zugefügten Verletzungen stets mit gerunzelter Stirn als Versuche, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Erinnerung an diesen Vorwurf genügte, dass Anastassia sich zusammenriss. Sie wollte ihrer Familie keinen unnötigen Ärger bereiten, denn ihre Eltern hatten genug zu kämpfen, um sie alle am Leben zu halten.

Sie setzte sich wieder in Bewegung, denn sie musste im Laden mithelfen. Der Besuch bei Charlotte Huntingdon hatte bereits mehr Zeit beansprucht, als ihr zustand.

***

Die Glocke bimmelte, als die Tür hinter ihr zufiel. Anastassia nahm die kleine, leicht gekrümmte Gestalt ihrer Mutter wahr, die sich über eine geöffnete Schublade beugte.

„Deine Schule ist schon vor zwei Stunden zu Ende gewesen. Ich frage mich ja, wo du dich immer herumtreibst, aber das ist jetzt nicht so wichtig. Hilf mir, hier ein wenig sauber zu machen!“

Sie warf Anastassia über den Tresen hinweg ein nasses Tuch zu und schloss energisch die Schublade. Sophia Barakova war auch aufrecht stehend eine sehr kleine Person, kleiner noch als die meisten Chinesinnen. Doch ihr resolutes Auftreten ließ sie imposanter wirken.

„Wir haben eine neue Lieferung Kaviar bekommen und Stoffe aus Sankt Petersburg. Es gibt zum Glück in diesem Sumpf hier genug Ausländer, die solch edle Waren zu schätzen wissen. Wenn es in unserem Laden nur nicht immer aussehen würde wie in einem Schweinestall!“, klagte sie und überließ die unerfreuliche Aufgabe des Putzens erst einmal ihrer Tochter.

Anastassia tat, wie ihr geheißen wurde. Sie hatte sich tatsächlich verspätet und wollte die Mutter nicht unnötig verärgern, obwohl der Laden ihr nicht besonders schmutzig erschien. Vielleicht gab es in der internationalen Siedlung einfach zu viel Konkurrenz von britischen und französischen Ladenbesitzern, die ihren Landsleuten vertrauter waren als russische Juden und daher auf weniger Misstrauen stießen. Chinesen wäre die Frage der Religion egal gewesen, aber sie verirrten sich so gut wie nie in diesen Laden, sodass ihnen nur einige treue Stammkunden blieben, die russische Produkte schätzten. Von deren Geld konnten sie gerade so überleben, doch schon die Arztkosten für den stets kränkelnden Vater stellten eine große Belastung dar.

Während Anastassia folgsam den Tresen schrubbte, überlegte sie, ob es vielleicht sinnvoll wäre, ihr Sortiment etwas internationaler zu gestalten. Aber sie wusste, dass sie mit diesem Vorschlag bei ihren Eltern auf taube Ohren stoßen würde, denn sie mochten keine Veränderungen. Beide vermissten die kalte Heimat, in der sie unerwünscht gewesen waren, allzu schmerzlich, um ganz von ihr Abstand zu nehmen.

„Dein Vater hatte heute Vormittag wieder ganz schlimmen Husten. Das feuchte Klima hier bekommt ihm nicht“, klagte die Mutter. „Aron ist losgezogen, um den Arzt zu holen. Leider ist er immer noch nicht zurück.“

Anastassia unterdrückte einen Seufzer. Aron mit einem solchen Auftrag loszuschicken war keine gute Idee, da er unterwegs immer irgendwie abgelenkt wurde, in Spelunken hängen blieb und Chinesen beim Glücksspiel zusah, das ihn faszinierte. Aber die Mutter verschloss hartnäckig ihre Augen vor den Fehlern ihres Lieblingskindes.

„Ich kann gleich nachsehen, wo er bleibt“, schlug Anastassia vor.

„Nichts da! Du bleibst hier, ich brauche Hilfe“, entschied Sophia Barakova in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

Anastassia gehorchte. Sie hatte früh gelernt, dass Widerspruch ihr nur wochenlange Vorwürfe einbringen würde. Ihre Mutter verstand sich hervorragend darauf, ihre Zunge in eine scharfe Klinge zu verwandeln.

So stand Anastassia eine Weile neben Sophia Barakova im Laden herum und wartete vergeblich auf Kundschaft. Kurz schaute ein angetrunkener Seemann vorbei, der ihnen zwei Flaschen Wodka abkaufte, aber dieser Erlös allein würde nicht reichen, um bis zum Ende der Woche ihre Mägen zu füllen.

„Wenn wir nur hätten daheimbleiben können“, klagte Sophia Barakova, während sie sich eine Schale Tee einschenkte. „Dann würde es uns jetzt gut gehen. In unserem Dorf ließen die Leute einander nicht im Stich und zahlten gutes Geld für anständige Waren. Aber hier, unter den ganzen Chinesen … Und du bist sogar mit einer von ihnen befreundet.“

Anastassia schwieg und schob ein paar bemalte Dosen in den Regalen herum, um sich irgendwie zu beschäftigen. Ihre Mutter konnte nichts von dem bösen Streit mit Charlotte Huntingdon wissen. Trotzdem staunte sie über deren Fähigkeit, stets die Worte zu finden, die in eine wunde Stelle stechen konnten.

„In Russland gibt es sicher mehr Händler, die russische Waren anbieten“, wagte sie einzuwenden. „Hier sind sie etwas Besonderes. Vielleicht müssten wir nur einen Weg finden, etwas mehr Aufmerksamkeit zu erwecken. Die Huntingdons kennen sich sehr gut mit Geschäften aus, vielleicht können sie uns einen Rat geben. Außerdem lebt bei ihnen jetzt so eine junge Frau aus Deutschland, die …“

„Die Goy sind nicht wirklich besser als die Chinesen“, unterbrach Sophia Barakova. „Diese Schlitzaugen arbeiten wenigstens, das muss man ihnen lassen. Die Goy saufen ständig nur und huren herum!“

Mit einer energischen Handbewegung stellte Anastassias Mutter die Teeschale wieder neben der Spüle ab. Die Türglocke bimmelte, zwei junge Engländerinnen kamen herein, um die Stoffe aus Sankt Petersburg zu begutachten. Anastassia bemühte sich, sie nach bestem Können zu beraten, denn Sophia Barakova sprach kaum Englisch. Sie erfuhr, dass den beiden ihr Laden empfohlen worden war, und ahnte, dass die Huntingdons irgendwie dafür verantwortlich sein mussten. Charlottes Mutter war zwar in der angesehenen Gesellschaft der internationalen Siedlung nicht wirklich gern gesehen, weil sie einen Halbchinesen geheiratet hatte. Aber wo auch immer sie auftauchte, zog sie durch ihre elegante Erscheinung Blicke auf sich. Nachdem die zwei Mädchen mit ein paar Stoffballen unter dem Arm fröhlich plappernd den Laden verlassen hatten, war Anastassia etwas wohler zumute. Damit hatten sie auf jeden Fall für die nächsten zwei Wochen genug zu essen. Vorausgesetzt der Arzt, den der Vater brauchte, war nicht zu teuer …

„Ich bringe Papa schnell eine Tasse Tee“, sagte sie zu ihrer Mutter, die glücklicherweise mit dem Zählen des Geldes in der Kasse beschäftigt war. So schnell würde wohl keine weitere Kundschaft mehr kommen, und falls doch, würde Sophia Barakova mit ihr selbst fertig werden müssen.

Sehr schnell, bevor sie zurückgerufen werden konnte, hastete Anastassia die schmalen Stiegen hoch. Die Eltern schliefen in der größeren der zwei Kammern. Sie selbst hatte sich lange einen Raum mit Aron geteilt, der es nun jedoch vorzog, in der Küche zu schlafen. Dort störte er niemanden, wenn er wieder einmal spät nach Hause kam. Aron war erst 16, aber bereits sehr umtriebig und er hatte einige Freunde, die Anastassia suspekt waren. Durch die räumliche Trennung blieb ihr so ein klein wenig Ruhe für ihre Schularbeiten, die sie meist spätabends bei spärlicher Beleuchtung erledigen musste. Allein die Nachhilfestunden mit Charlotte hatten ihr die Möglichkeit eröffnet, sich etwas ausführlicher mit dem Schulstoff zu befassen. Aber damit war es nun wohl vorbei.

Sie hörte den rasselnden Husten, noch bevor sie das Schlafzimmer der Eltern betreten hatte. Er ging in ein gequältes Röcheln über, das nicht enden wollte. Anastassia fröstelte trotz der stickigen Hitze im Haus. Es gab Ahnungen, die man verdrängen musste, weil sie unerträglich waren.

„Dein Tee, Papuschka!“

Wenn sie mit ihrem Vater redete, benutzte sie liebend gern die russische Sprache mit ihrem Zischen, den weichen, runden Vokalen und dem ratternden „R“.

Der Mann auf dem Bett wandte sich ihr zu und ein warmes Lächeln erhellte sein eingefallenes Gesicht. Mit einer raschen Bewegung wischte er seine rechte Handfläche auf dem Laken ab. Obwohl es bereits von dunklen Flecken übersät war, konnte Anastassia die frischen Blutspuren nicht übersehen. Ihr Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Der Kummer wegen des Streits mit Charlotte erschien ihr auf einmal selbstsüchtig und belanglos.

„Wie nett, dass meine kleine Stassjenka an mich denkt“, flüsterte ihr Vater und nahm die Tasse entgegen. Weil seine Hände zitterten, verschüttete er einen Teil des Tees auf der Decke, während Anastassia ihm die Kissen zurechtrückte.

Dann setzte sie sich auf die Bettkante und strich ihm über die Schulter. „Der Doktor kommt sicher bald“, versicherte sie und hätte ihren Bruder in diesem Moment ohrfeigen mögen. Wahrscheinlich war er unterwegs einigen seiner Freunde begegnet, die ihn in irgendeine Spelunke geschleppt hatten. „Ich denke, ich sehe auch gleich nach, wo Aron bleibt“, fügte sie hinzu.

„Der Doktor kostet doch nur Geld, Stassjenka“, widersprach ihr Vater leise. „Er kann Gottes Willen nicht ändern.“

„Hör auf so zu reden!“ Anastassia hatte geschrien. Tränen schossen ihr in die Augen. Heute hatte sie ihre einzige Freundin verloren. Ohne den Vater wäre diese Welt nur noch dunkel und kalt.

„Was hast du denn, mein Mädchen?“, murmelte der kranke Mann und tätschelte ihre Hand. „Wir alle müssen irgendwann gehen. Mir war mehr Zeit auf Erden vergönnt als … als …“ Er verstummte plötzlich und riss seine fiebrig glänzenden Augen auf. „Was rede ich nur?“, murmelte er, fast erschrocken. „Noch bin ich nicht tot, keine Sorge. Sag mir, was du auf dem Herzen hast, mein Mädchen.“

Er drückte ihre Finger zusammen. Seine Handflächen waren so glühend heiß, dass Anastassias Kehle eng wurde.

„Ich habe mich mit Charlotte Huntingdon gestritten“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich dachte, sie wäre meine Freundin, aber seit sie sich in diesen Engländer verliebt hat, der sie fallen ließ, ist sie wie ausgewechselt. Ich glaube, sie verachtet mich. Sie hält mich für ebenso ungeschickt und dumm wie alle anderen.“

Zu ihrem Entsetzen begann sie zu weinen. Der Vater zog sie in eine Umarmung und tätschelte ihren Rücken.

„Das Mädchen ist einfach nur unglücklich. Ein gebrochenes Herz, das tut sehr, sehr weh. Bald schon wird sie bereuen, was sie gesagt hat. Falls nicht, so ist sie selbst ein dummes Ding. Du bist klug. Stassjenka. Und begabt. Wie deine Mutter. Beende auf jeden Fall die Schule, versprich mir das.“

Anastassia nickte nach Luft japsend. Der Weinkrampf erwies sich als unerwartet befreiend, und nachdem sie eine Weile in den Armen ihres Vaters gelegen hatte, erschien ihr die Welt wieder etwas heller und freundlicher. Sie fragte sich zwar, wie jemand Sophia Barakova klug und begabt nennen konnte, schämte sich aber gleich darauf für diesen boshaften Gedanken.

„Komm, lass uns noch ein bisschen malen“, forderte der Vater sie dann auf.

Anastassia nahm erleichtert zur Kenntnis, dass die Mutter noch nicht nach ihr gerufen hatte. Vielleicht hatten sie ja tatsächlich eine Weile Zeit für das, was sie als Vater und Tochter gemeinsam am liebsten taten.

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