Die Spionin des Winterkönigs

Leseprobe

Das Mädchen aus Prag - Umschlagabbildung

Böhmen, 20. Mai 1945

„Es dauert nicht mehr lange, dann kommt sie“, flüsterte die Frau ihren zwei Begleitern zu, denn sie begannen ungeduldig zu wirken. Karel, der ältere von beiden, murrte unzufrieden und zog eine Zigarette aus der Tasche.

„Woher weißt du das so genau?“, fragte er. „Vorhin hat sie noch im Dorf eingekauft.“

Die Frau lächelte. Immer wieder wurden ihre Fähigkeiten unterschätzt.

„Ich habe mich umgehört. Die Bäckerin sagte, dass die Deutsche zum Badesee wollte. Sie hat ihr den Weg erklärt, aber nicht die Abkürzung durch den Wald. Dort hätte sie sich nur verlaufen.“

Karel zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Flachmann. Der Frau gefiel das nicht, denn sie brauchte ihn klarsichtig und aufmerksam. Aber sie wusste, dass es keinen Sinn gehabt hätte, ihn zurechtzuweisen.

„Warum sollen wir ihr eigentlich auflauern?“, fragte sein jüngerer Bruder Milan. „Alle am Ort sagen, sie hat nichts Schlimmes getan.“

„Sie lügt!“, entgegnete die Frau entschlossen. „Ich kann bezeugen, dass sie den Reichsprotektor unterstützte. Alle Deutschen waren irgendwie schuldig. Aber auf mich hört man nicht, weil dieses Weib allen Männern den Kopf verdreht hat.“

Karel grinste sie auf unverschämte Weise an.

„Na ja, die hat auch ganz andere Voraussetzungen als du.“

Die Frau unterdrückte mühsam den Wunsch, ihn zu ohrfeigen. Beide Brüder waren dumm und bösartig, aber im Augenblick konnte sie nicht auf ihre Hilfe verzichten. Zu viel Unrecht war ihr im Leben widerfahren, zu oft hatte sie zurückstecken und sich fügen müssen, während andere sich ihre Wünsche erfüllen konnten.

Der Krieg ist wie eine Seuche, hatte ihre Mutter immer wieder gesagt, er tötet die Menschen, er macht sie krank und kaputt. Aber das stimmte nicht immer. Der Krieg hob geltende Verbote auf, erschütterte alte Hierarchien und ermöglichte es manchmal zu tun, was man immer hatte tun wollen.

„Ihr macht einfach, was ich sage. Sonst sorge ich dafür, dass ihr Ärger bekommt“, teilte die Frau ihren Begleitern mit. Glücklicherweise fehlte ihnen der Verstand, um diese Drohung ernsthaft zu hinterfragen. Beide hatten in einer deutschen Waffenfabrik gearbeitet. Eigentlich kein Verbrechen, aber im Moment konnte es als Landesverrat hingestellt werden. Im Moment konnte alles geschehen, weil es keine Regeln mehr gab.

Die Frau hatte lange gelauert, beobachtet und Rückschlüsse gezogen. Vorsicht war notwendig gewesen, denn es gab auch jetzt noch Leute, die versuchen würden, sie an ihrer Rache zu hindern. Schöne, kultivierte Frauen fanden immer Verehrer, die sie schützen wollten, während man unscheinbare Arbeiterinnen entweder übersah oder ausnutzte. Aber nun würde sie dafür sorgen, dass der Lauf der Dinge sich für einen Augenblick änderte. Einmal würde sie selbst Macht ausüben dürfen, anstatt sich immer nur ducken zu müssen.

Als sie Schritte und fröhliches Geplauder von Frauenstimmen vernahm, zog ihr Magen sich angespannt zusammen. Gleich wäre es so weit. Sie konnte tun, was ihr gefiel, ohne die Folgen fürchten zu müssen. Von dieser Erfahrung der Stärke würde sie für den Rest ihres Lebens zehren können. Sie klammerte sich an diese Hoffnung und fegte alle nagenden Zweifel unwirsch hinweg. Sie durfte ihre Zeit nicht mit unnötigen Grübeleien verschwenden, denn der Moment war kostbar.

Irgendwann würden wieder Recht und Ordnung einkehren und jeder Mensch würde an seinen vorgegebenen Platz zurückgestellt. Ihre Mutter hatte bis zu ihrem Tod darauf gehofft, aber noch war es nicht so weit.

Noch gab es eine Gelegenheit zur Abrechnung.

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